Von Agency zu Selbstkontakt

Von Matthias Keller

  • Agency - missverstandenes Mitgefühl
    In erster Linie immer nur für andere da zu sein, bedeutet die Rolle der Agentin oder des Agenten zu leben. Der Fokus ist meist im Aussen und die eigenen Bedürfnisse werden in den Hintergrund gestellt. Gerade für den Alltag im Kontakt mit anderen Menschen ist es bedeutsam, sich dieses Musters bewusst zu werden. Wenn wir lernen, dem eigenen Lebensimpuls zu folgen, den eigenen Takt zu schlagen und so Überverantwortlichkeit in Mitgefühl zu transformieren, wird unser Alltag reicher und authentischer.

    «Wenn ich morgens aufstehe, ist gerade noch genügend Energie da, um die alltäglich anfallenden Arbeiten zu verrichten. Innerlich fühle ich mich schnell müde und ausgelaugt. Wenn ich mal Spass an etwas habe, geht das schnell wieder vorüber. Im Büro, im Kontakt mit meinen Kolleginnen und mit Kunden lebe ich wieder auf- aber gerade nur so lange, wie der Kontakt wirklich dauert. Danach kommt schnell wieder die Müdigkeit. Meine «Batterie» scheint leer zu sein. In solchen Momenten spüre ich keine wirklichen Bedürfnisse mehr, nur liegen, Augen zu, manchmal schlafen.»

    Diese Beschreibung, die mir eine Klientin von ihrem inneren Zustand gab, treffe ich in verschiedenen Versionen immer wieder im Praxisalltag an. Burnout, Depression sind heute viel gebrauchte Worte- und nicht nur ein Spiegel persönlicher Defizite, sondern auch Spiegel einer Gesellschaft, bei der das «Mehr» wichtiger ist als das «Wie». Dringlichkeit ist wichtiger als das Wesentliche ist. Und dies bekommen Menschen besonders zu spüren, wenn sie in eine solche Krise geraten.

    IBP hat gerade mit seinem Agency-Konzept zu solchen Erfahrungen einen wichtigen Beitrag zu leisten. Agency ist missverstandenes Mitgefühl, es ist ein sich selbst bestätigendes und daher perpetuierendes Verhaltensmuster. Die obige Beschreibung liefert eine gute Definition des Kerns von Agency: im Kontakt mit anderen Menschen wird ein Agent aktiv, daraus schöpft er Energie und Lebendigkeit. Er kann das Dringliche erledigen (Hausarbeiten, Besprechungstermine, Abgabetermine für anfallende Arbeiten etc.). Diese Lebendigkeit kann aber nicht aufrechterhalten werden: für sich allein ist er rasch wieder konfrontiert mit Müdigkeit, Lustlosigkeit, Leere. Da das keine angenehmen Empfindungen sind, muss er sie wieder überspielen mit Dringlichkeiten. Wenn das nur lang genug geht, stellt sich die Frage nach dem Wesentlichen: ein solcher Mensch hat den Kontakt zu seinem innersten Kern verloren. Anders ausgedrückt: was ist der Sinn meines Lebens, was macht mir wirklich Spass, was füllt meine «Batterie», wie kann ich Beziehungen gestalten, in denen sich alle Beteiligten lebendig fühlen?»
  • So entstand der Begriff
    Der Begriff Agency wurde von Jack Lee Rosenberg und Beverly Kitaen Morse geprägt. Sie stiessen auf dieses Reaktionsmuster, als sie der Frage nachgingen, warum so viele Menschen in Beziehungen wie auch im Beruf ihr Bestes geben und dann doch so oft die Erfahrung machen, nicht das zu bekommen, was sie sich wünschen und zunehmend auslaugen.

    Morse und Rosenberg erkannten, dass eine einfache Erklärung auf der Verhaltensebene allein nicht fruchtet, um Menschen zu dauerhaften Änderungen ihres Beziehungsstils zu verhelfen. Im deutschsprachigen Raum war schon lange der Begriff «Helfersyndrom» bekannt, der sich darauf bezieht, es anderen Menschen recht machen zu wollen- ihnen eben helfen zu wollen, um daraus Selbstbestätigung und manchmal sogar eine Existenzberechtigung zu schöpfen. Menschen, die selber dieses Helfersyndrom bei sich diagnostizierten, versuchten ihr Verhalten zu ändern, indem sie einfach das Gegenteil zu tun begannen: nicht mehr zu helfen. Das Resultat war ernüchternd, landeten sie doch schliesslich bei denselben unbefriedigenden Erfahrungen und Gefühlen. Was war nun der fehlende Teil?
  • Agency als körperlich-emotionaler Reflex
    Als Körperpsychotherapeuten erkannten Rosenberg und Morse die tieferliegende Ursache in einem körperlich-emotionalen Reaktionsmuster, das reflexhaft ablief, also in den meisten Fällen unbewusst und unabhängig von einem konkreten Verhalten. Dieser Agency-Reflex bedeutet einfach ausgedrückt, dass die eigenen Lebensimpulse, Wünsche und Bedürfnisse schon im Keim unterdrückt werden, so dass sie meist gar nicht gespürt werden. Gleichzeitig richtet sich die Wahrnehmung auf das Gegenüber - um so herauszufinden, was diese Person braucht, um zufrieden zu sein. Dies wird in der Hoffnung getan, danach vielleicht auch die eigenen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Agenten haben ihre Wahrnehmungsantennen nach aussen gerichtet anstatt nach innen.

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