Das Potential der sexuellen Liebesbegegnung zwischen Mann und Frau

von Notburga Fischer

Menschliches Leben entsteht aus der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Diese Tatsache wird oft in den Hintergrund gedrängt, wenn Eltern ihre Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung begleiten. Die Entwicklung der sexuellen Liebesfähigkeit ist ein Reifungsprozess, der von unserer Zeugung bis zu unserem Tod andauert.
Erhalten wir in unserer psychosexuellen Entwicklung eine adäquate und unterstützende Spiegelung durch unsere Eltern (oder andere erwachsene Begleiter), können wir zu selbstregulierten Erwachsenen heranreifen. Das heisst, wir haben als Mann und Frau genügend feminine und maskuline Ressourcen integriert, dass wir weder unsere Partner noch unsere Kinder brauchen, um uns als sexuelle Wesen zu bestätigen oder zu befriedigen. Erfüllung liegt vielmehr in einem ganzheitlichen Energieaustausch mit dem Partner (Sex, Herz und Bewusstsein) als in der genitalen Auf- und Entladung, nach der oft ein leeres Gefühl zurückbleibt.
Ich habe das energetische Modell des femininen und maskulinen sexuellen Energiekreislaufes gewählt, um ausschnittweise einige Reifestufen der sexuellen Liebesfähigkeit von Mann und Frau darzustellen. Auf die reifen Früchte der zweiten Lebenshälfte gehe ich hier nicht ein.

  • Teil 1: Der feminine und maskuline Energiekreislauf in der sexuellen Begegnung zwischen Mann und Frau
    Mann und Frau sind in ihren Genitalien und auf der Herzebene gegengepolte Wesen. Das macht auch die Anziehung aus. Die Liebesorgane sind gegensätzlich und genau in einander passend geformt. Die Vagina ist nach innen eingestülpt und rezeptiv. Sie hat die Fähigkeit aufzunehmen, zu empfangen und zu umhüllen.
    Der Penis ist nach aussen gestülpt, kann erigieren, penetrieren und Energie gerichtet nach aussen geben. Bildlich liegt die Wurzel des Penis im Herzen, das ihn mit Blut versorgt. Der Mann gibt seine Liebe von seinem Herzen über den Penis an die Frau. Die Frau kann sich vom Mann über ihre Vagina bis in ihr Herz berühren lassen.
    Auf der Herzebene ist es genau umgekehrt. Die Körperform der Frau ist hier nach aussen gewölbt mit den Brüsten. Dort ist ihr gebender Pol, und der Mann empfängt ihre Liebe vom Herzen her.
    Bezieht man diese körperenergetische Polarität mit ein, so entsteht ein energetischer Liebeskreislauf, in dem eine sexuelle Begegnung mehr ist, als nur Ladung und Entladung auf der genitalen Ebene.
    Einen häufigen Konflikt zwischen Männern und Frauen kann man auf diese unterschiedliche Polarität zurückführen.
    Die Frau sagt zum Mann: «Ich öffne mich nur in meiner Vagina, wenn ich die Verbindung im Herzen spüre, wenn da Liebe und Bindung ist.»
    Die Gegenhaltung des Mannes ist: «Ich lasse mich auf eine verbindliche Beziehung nur dann ein / öffne mein Herz erst dann, wenn du mich sexuell annimmst.»
    Auf den Energiekreis bezogen sagen beide: «Wenn das angenommen wird, was ich zu geben habe mit meinem expressiven Pol (bei der Frau das Herz, beim Mann der Penis), dann bin ich bereit mich in meinem rezeptiven und damit auch verletzlichen Pol (bei der Frau die Vagina, beim Mann das Herz) zu öffnen.»
    Das Grundthema ist jedoch auf beiden Seiten dasselbe: Die Verbindung zwischen Genitale und Herz ist blockiert oder fehlt überhaupt, wenn sie ? im Kinderleben sich verschlossen hat, als Schutz vor Verletzung (Überflutung) durch Mutter oder Vater im rezeptiven Pol.
  • Innere Verankerung des Energiekreislaufes in der ödipalen Phase
    Zwischen drei und sechs Jahren beginnt die Differenzierung der Geschlechter in der «ödipalen Phase». Kleine Jungen und Mädchen in diesem Alter sind neugierig, offen, unschuldig und unermüdliche Forscher, wenn sie «den kleinen Unterschied» beim Doktorspiel erkunden. Aus ihrem Blickwinkel auf die Erwachsenen identifizieren sich beide mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und probieren sich mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil als «kleiner Mann / kleine Frau» aus. In dieser Phase ist eine adäquate Spiegelung der Eltern wichtig, um den eigenen Energiekreislauf einzurichten und zu lernen, die sexuelle Energie zu regulieren.

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