Grenzenziehen - eine nachhaltige psychotherapeutische Intervention

von Mark Froesch-Baumann

Zwischen dem Ich und einem Du

«An der Grenze zwischen dem Ich und einem Du entstehen Kontakt und Beziehung»

Während in einer globalisierten Welt Grenzen abgebaut und Wirtschafträume immer weiter definiert werden, wird für das Individuum die Fähigkeit, sich als abgegrenzt und gleichzeitig mit der Mitwelt verbunden zu erleben, immer bedeutender. Im Folgenden möchte ich eine körperpsychotherapeutische Intervention vorstellen, welche den persönlichen Raum und die ihn definierende Grenze unmittelbar erfahrbar macht und nachweisbar Stress reduzieren kann.
Frühe Konzepte psychologischer Grenzen gehen zurück auf Freuds Reizschutz, Federns Ich-Grenzen oder Anzieus «Moi-Peau». Fisher und Cleveland beschrieben das Empfinden einer Körpergrenze («body image barrier») als feste Komponente des Körperbildes und als Mass für die Entwicklung der persönlichen Identität. Scharfetter stellte die Ich-Demarkation als Dimension des Ich-Bewusstseins dar, die den Eigenbereich eingrenzt. Der persönliche Raum wurde in der sozialpsychologischen Literatur eingeführt, um den emotional gefärbten Bereich um den menschlichen Körper zu beschreiben, den Menschen als «ihren Raum» wahrnehmen (Sommer, 1959). Es ist der Bereich um den Körper einer Person mit einer unsichtbaren Grenze, in welchen andere nicht eindringen können, ohne Unwohlsein zu erregen. Dieser Raum ist nicht fest, sondern variiert in Abhängigkeit vom Gegenüber, von Befindlichkeit, Kontext  und Kultur.
Das psychologische Konzept persönlicher Grenzen geht also von einer räumlichen Metapher aus, die uns hilft, Beziehungen mit anderen Wesen und Objekten in der Aussenwelt zu beschreiben. Eine Grenze markiert die Linie, wo ich aufhöre und der andere/das andere beginnt. Sie beinhaltet gleichzeitig die Anerkennung meiner eigenen einzigartigen Existenz und diejenige einer anderen Person als von mir getrenntem Individuum mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Motivationen (Epstein, 1994). Psychologische Grenzen können mit existierenden physikalischen Schranken übereinstimmen oder mentale Repräsentationen sein. Die Haut einer Person und die Wände eines Raumes sind Beispiele für physikalische Grenzen. Das Selbstempfinden einer Person, die Arbeitsteilung zwischen zwei Personen und der Respekt für den persönlichen Raum in der Öffentlichkeit sind mental definierte Grenzen. Die Art und Weise, wie solche Grenzen gehandhabt werden, ist ein entscheidender Faktor dafür, ob in einer zwischenmenschlichen Beziehung Gefühle des Vertrauens entstehen (und anhalten). Aus diesen Gründen spielen Grenzen ganz besonders eine kritische Rolle in jeder Form von therapeutischer Beziehung und sind mitentscheidend für das Ansprechen und den Erfolg einer Therapie.

  • Grenzenziehen
    In der Integrativen Körperpsychotherapie IBP («Integrative Body Psychotherapy») kommt der Intervention des Grenzenziehens eine besondere Bedeutung zu. Der Begründer, Jack Lee Rosenberg, hat das gestalttherapeutische Konzept der Kontaktgrenze übernommen und auf die somatische Ebene ausgedehnt: «Bei einer Selbstgrenze handelt es sich um das Empfinden (oder die Erfahrung oder das Bewusstsein) des Selbst, dass es von der Welt getrennt ist, aber dennoch in einer harmonischen Beziehung mit ihr lebt. Sie ist flexibel, so dass andere willentlich näher gelassen oder mehr auf Abstand gehalten werden können» (Rosenberg, 1985/1993, S. 395). Die Grenze begrenzt und definiert das integrierte Selbst, ist flexibel und wird vom Organismus den aktuellen Umständen angepasst. Dank einer Grenze verbessert sich der Selbstkontakt. An der Grenze entsteht Kontakt und Beziehung zwischen dem Ich und einem Du. Sie definiert den persönlichen Raum, umfängt und schützt den Organismus und berührt gleichzeitig die Umwelt (Schwager-Dudli, 1994; Froesch, 2003). Hier findet auch ein primäres Therapieziel, nämlich das der (Wieder-) Herstellung von Beziehung zum Selbst und zum anderen, einen praktischen Ansatzpunkt.
    Bei der Intervention des Grenzenziehens werden PatientInnen angeleitet, ihr aktuelles Körpererleben wahrzunehmen und zu beschreiben. Dann folgt das Angebot, soviel Raum um sich herum, wie in der gegebenen Situation angenehm erlebt wird, mit einem Seil, einer Schnur oder einer Kreide am Boden zu markieren.

    Mit dieser aktiven Handlung des Ziehens einer Grenze um den persönlichen Raum machen die meisten Personen eine eindrückliche somato-sensorische und meist auch emotionale Erfahrung. Allenfalls muss die Grösse des Eigenraumes solange angepasst werden, bis er stimmt. Dabei ist einerseits das subjektive Gefühl der Stimmigkeit der PatientInnen wichtig. Nicht selten allerdings ist die Beachtung der Körpersprache der PatientInnen genauso wichtig. Denn vielen PatientInnen fehlt die innere Erlaubnis, ihren Eigenraum uneingeschränkt einnehmen zu dürfen und sie empfinden diesen zunächst als zu gross, «unanständig gross» oder «beängstigend gross». Erst die genaue Beachtung ihres Körperempfindens, wo sie tieferes Atmen, mehr Raum im Thorax und ähnliche angenehme Empfindungen feststellen, zeigt ihnen, dass der gewählte Eigenraum der Richtige ist.

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